Böhmer müsste es besser wissen
Zu den Behauptungen von Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, Kindstötungen seien Erbe der DDR-Zeit, äußert sich Inés Brock, sozialpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
"Kinderarmut und soziale Gerechtigkeit - das sind die Themen, mit denen sich Böhmer beschäftigen sollte. Auch wenn es immer eine sehr individuelle Tragik hinter solchen Tötungsdelikten gibt, so entstehen Notlagen nicht im luftleeren Raum. Perspektivlosigkeit hat in Sachsen-Anhalt einen Boden, auf dem sie wächst: Armut.
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben Kindstötungen nicht zugenommen, etwa 100 Kinder im Jahr werden von ihren Eltern aus Hilflosigkeit, im Affekt oder aufgrund psychischer Überforderungen getötet. Verwahrlosung und prekäre Lebenslagen haben jedoch dramatisch zugenommen. Hier muss die Politik endlich handeln, haben wir doch in Sachsen-Anhalt eine der höchsten Kinderarmutsraten in Deutschland.
Als Gynäkologe müsste Böhmer es besser wissen. Eine Schwangerschaftsunterbrechung ist mit einer Kindstötung nicht gleichzusetzen und wenn hier jemand aufgrund der Praxis abgestumpft ist, dann wohl eher Professor Böhmer als die Frauen, die verantwortlich mit persönlichen Zwangslagen vor der Entscheidung zu einer Abtreibung umgehen.
Es gibt keine Indizien, dass im Osten Deutschlands damit weniger respektvoll umgegangen würde. Die jungen Frauen von heute waren in der DDR Kinder und können deshalb gar nicht von der Praxis der Schwangerschaftsunterbrechungen beeinflusst sein. Böhmer war seinerzeit Chefarzt, gerade deshalb müsste er es besser wissen, wenn er seine Patientinnen auch nur einen Hauch ernst genommen hätte. Erschreckend: Böhmer lässt Respekt und Einfühlungsvermögen vermissen."