PM Nr.78-04 vom 04.07.2004

Fragen in der Bildungspolitik radikal stellen

Unser Schulsystem leistet zu wenig für zu wenige. Darin waren sich die rund 30 Teilnehmer des von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN veranstalteten Bildungsforum "GUT ZU WISSEN" am gestrigen Sonnabend, 3. Juli 2004, in Halle (Saale) einig. Bildungspolitiker und Wissenschaftler suchten vor allem den Austausch mit jungen Leuten – mit Vertretern der Grünen Jugend und der Grünen Hochschulgruppen.

Fragen in der Bildungspolitik müssten radikal gestellt werden. So etwa die von Krista Sager, Vorsitzende der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Können wir uns solche Bildung leisten – mit mehr Schulabbrechern als in anderen Ländern, mit weniger Abiturienten, mit mehr Hochschulabbrechern, mit der am schnellsten wachsenden Schulform – der Sonderschule?

Sager sieht Bildungspotenziale unzureichend genutzt. Für viele Kinder seien die Chancen bereits vertan, bevor sie eingeschult würden. "Wir brauchen eine Neubewertung der frühkindlichen Bildung und müssen die Aufnahmefähigkeit kleinerer Kinder besser nutzen", sagte die Politikerin. Unterstützung erhielt sie von Professor Henning Scheich, Direktor vom Leibniz-Institut – Zentrum für Lern- und Gedächtnisforschung Magdeburg. Die Erkenntnisse aus der Hirnforschung: Im Vorschul- und Grundschulalter speichert das Gehirn nicht nur "spielend" ab, sondern es erfolgt auch die Strukturierung für spätere Speicherungen. 

"Parteiübergreifend ist anerkannt worden, dass Kindergärten einen Bildungsauftrag haben müssen. Da passiert einiges", so Thomas Lippmann, Vorsitzender der GEW Sachsen-Anhalt. Er gab zu bedenken: "Wenn Bildungspolitik nicht endlich aus dem Parteiengezerre herausgehalten wird, haben wir keine Chance, die Probleme zu lösen." Der Gewerkschafter hält Strukturveränderungen für unvermeidlich. "Das gegliederte Schulsystem ist überholt", sagte er. Andere Länder, in denen die Kinder bis zur 9./10. Klasse in eine gemeinsame Schule gehen, seien erfolgreicher.

Nach Aussagen Krista Sagers muss Schule Räume für individuelle Förderung haben. "Individualität muss in die Gemeinschaft integriert werden", sagte sie. Dazu brauche die einzelne Schule mehr Verantwortung und Freiheit, die Befreiuung von starren Hemmnissen wie etwa vom 45-Minuten-Takt. "Die Schule muss ständig überprüfen, was sie leistet", unterstrich Sager die Wichtigkeit der ständigen Evaluation.

In Zeiten knapper Haushalte müssen Prioritäten neu gesetzt werden. Lippmann sprach von rund 25 Milliarden Euro jährlich, die ins Schulsystem fließen müssten. "Schule, die genug leistet, müssen wir uns leisten. Sie ist die sinnvollste Investition", sagte Sager.

 


© BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN